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Diagnose Borderline: Angriff auf den eigenen Körper

 

 

Dortmund. Fast wirkt es wie eine Modeerscheinung, wenn Fernsehserien oder Magazine das Thema Selbstverletzung aufgreifen. Doch der Angriff gegen den eigenen Körper ist immer Ausdruck einer seelischen Not. Eine mögliche Diagnose ist die Borderline-Persönlichkeits-Störung.

Manfred Tetzlaff, Diplom-Psychologe und Leiter der Abteilung Zentrale psychologische Diagnostik/spezielle Psychotherapieverfahren (ZpDP) in der Klinik des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Dortmund Aplerbeck, betreut seit Jahren Therapiegruppen für Menschen, mit der Diagnose „Borderline”.

Diesmal sind es fünf Frauen, die sich zur Gruppensitzung treffen. Hausfrau, Mutter, Studentin, Ein-Euro-Jobberin, Erzieherin - ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Würde der Begriff in diesem Zusammenhang nicht so wertend wirken, würde man wohl sagen: ganz normale Frauen.

Starke Reaktionen

Sie alle eint, dass sie in ihrer Kindheit Erfahrungen machen mussten, die tiefe Wunden hinterlassen haben: Missbrauch, Vernachlässigung, Misshandlung. Kommen die Erinnerungen an diese traumatischen Erlebnisse an die Oberfläche, reagieren die Betroffenen sehr stark, möglicherweise eben auch mit Selbstverletzung, weil sie die aufkommenden Gefühle nicht aushalten können.

So wie bei Karin (Namen aller Frauen geändert), der 27-jährigen Studentin. Bei ihr sind es Panikattacken, die das Leben bis heute stark beeinflussen. Minimale Auslöser - ein Blick, eine Geste, eine bestimmte Tonlage - können Erinnerungen an die traumatischen Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit wieder aufkommen lassen, über die sie heute nicht mehr sprechen möchte. Jahrelang, so berichtet Karin, habe sie den Schmerzreiz gebraucht, um sich in die Gegenwart zurück zu versetzen, wenn die Erinnerungen an die schrecklichen Erlebnisse aus der Kindheit hoch kamen, sie einsogen und nicht loslassen wollten.

Neue Strategien

Inzwischen hat Karin mit Hilfe von Therapeuten andere Strategien entwickelt, aus der Vergangenheit wieder in die Gegenwart zu entkommen. Dennoch sind die wöchentlichen Gruppentreffen für sie wichtig. „Hier kann ich Dinge hinterfragen und weiß, dass die anderen mich verstehen”, sagt sie.

„Hier habe ich das Erlebnis, dass mich jemand stärkt, hier spüre ich Verständnis”, erklärt auch Mona, die 37-jährige Hausfrau und Mutter. Bei ihr waren es die Aggressionen, die sie nicht mehr in den Griff bekam, waren es Ängste und Sucht, die sie in eine Therapie führten. Die Diagnose ­„Borderline” folgte später. Eine Beobachtung, die die Experten oft machen. „Die Patienten begeben sich häufig wegen anderer Erkrankungen in Behandlung, wegen Depressionen etwa, Alkoholabhängigkeit oder eben wegen der Selbstverletzungen”, sagt Manfred Tetzlaff.

Selbsterfahrung

Für Mona ist der Austausch mit anderen Patienten wichtig - auch um noch mehr über sich selber zu erfahren: „Je mehr ich über mich selber und darüber lerne, was das Abdriften in die Vergangenheit auslöst, desto mehr kann ich auch dagegen setzen.”

Eines aber, das ist allen Teilnehmerinnen ein Anliegen: Es ist keine Krankheit unter der sie leiden, sondern eine Störung in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit, verursacht durch schlimme Erfahrungen, durch andere Menschen in ihr Leben gebracht, denen sie ausgeliefert waren. „Mein heutiges Verhalten ist eine Reaktion auf schlimme Erlebnisse aus der Vergangenheit”, erklärt etwa Karin. Was sie vermisste war, dass ihr damals jemand geglaubt, sie getröstet, sie beschützt hätte. Und Mona vermutet: „Viele Menschen gehen möglicherweise unsensibel mit dem Thema Borderline und mit uns um, weil sie nicht an eigene Erlebnisse aus der Vergangenheit erinnert werden möchten.”

 

Interview

 

Wann spricht man von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, durch welche Symptome äußert sie sich?

Tetzlaff: Was unter einer Persönlichkeitsstörung zu verstehen ist, hat sich sehr gewandelt. Persönlichkeit beschreibt die Art und Weise, in der ich überwiegend mit anderen umgehe (z.B. schüchtern, misstrauisch oder reizbar). Diese Eigenheiten können mehr oder weniger stark ausgeprägt sein und bestehen meist schon seit der Kindheit. Bei der Borderlinestörung fällt es den Betroffenen schwer, die Bedeutung ihrer Gefühle genau zu verstehen. Sie erleben ihre Gefühle in jede Richtung überwältigend, sie fühlen sich ihren Gefühlen ausgeliefert. Da sie ihren eigenen Gefühlen nicht mehr uneingeschränkt vertrauen können, brauchen sie viel häufiger andere Menschen, um sich zu vergewissern, was „richtig ist”. Zugleich haben sie aber schmerzvoll erlebt, dass andere Menschen ihr Vertrauen missbrauchen. Dieses Dilemma führt zu sehr intensiven aber nicht sehr stabilen - kurz andauernden - Beziehungen. Beim Versuch, sich zurückzuziehen erleben sie oft eine unerträgliche Leere, in Beziehungen fühlen sie sich oft maßlos enttäuscht oder wütend. Wenn die inneren Spannungen zu groß werden, kann es vorkommen, dass die Personen sich selbst Schmerzen zufügen oder verletzen, um wenigstens vorübergehend Entlastung zu finden.

 

Wie wird eine solche Störung ausgelöst? Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

 

Tetzlaff: Es gibt unterschiedliche Ansätze, die Entstehung dieser Störung zu verstehen. Jede dieser Sichtweisen hat Vorschläge zur Behandlung erarbeitet.

Kernberg (TFP, Übertragungsfokussierte Psychotherapie) geht davon aus, dass Menschen, die als Kind mit anderen Menschen überwiegend „negative” Gefühle (z.B. Angst vor den Erniedrigungen durch die Mutter) erleben, die wenigen verbleibenden „guten” Gefühle (z.B. beim Schmusen mit der Mutter) dadurch zu schützen versuchen, dass sie wie bei einer „doppelten Buchführung” diese entgegengesetzten Gefühle nie gemeinsam abspeichern, sondern abspalten. Sie erleben dann z.B. ihre Mutter wie zwei verschiedene Mütter, mal als eine „gute” und mal als eine „gefährliche” Mutter. Ähnlich werden die „guten” und „schlechten” Gefühle getrennt, die man zu sich selbst hat: „Ich kann alles, jeder mag mich” und „Alle zeigen mit dem Finger auf mich, ich bin ein Versager”. Bleiben diese Anteile gespalten, kann dies dazu führen, dass „negative Anteile” nicht bei mir, sondern bei anderen vermutet und dort auch bekämpft werden: „Weil ich mich nicht schwach und hilflos fühlen will, werde ich sauer, weil ich keine Hilfe bekomme”. Das sind negative Gefühle, die ich nicht bei mir spüren möchte, also lieber so: „Der ist bestimmt sauer, weil ich ein Versager bin, dabei ist er doch dazu da, mir zu helfen”. In der Therapie werden diese Abspaltungen bearbeitet, so dass die Menschen wieder eine Mutter erleben können, die in bestimmten Situationen „böse” und in anderen „lieb” ist. Sich selbst sehen sie dann mehr mit ihren Fähigkeiten und Grenzen.

Emotionale Fehlregelung

Linehan (DBT, Dialektisch Behaviorale Therapie) arbeitet an der emotionalen Fehlregulation dieser Menschen. Wenn jemand in einer Familienumgebung aufwächst, die dauerhaft eine richtige Wahrnehmung von Gefühlen verhindert - „Das ist nicht zu schwer, du strengst dich nur nicht genug an” oder „Wenn sie nein sagt, meint sie ja” - verlieren die Menschen ihr Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. Sie werden emotional verwundbar und sind unfähig, ihre Emotionen zu beeinflussen. Es ist unstrittig, dass sie schwer traumatisierte Menschen sind, deren Traumata bearbeitet werden müssen. Nur sind die Patienten einer Aufarbeitung der Traumata zunächst wegen ihrer emotionalen Verletzlichkeit nicht gewachsen, sie geraten sofort in schwere Krisen. Erst wenn ihre Möglichkeiten zur Affektregulation gestärkt sind, kann eine Bearbeitung der Traumata beginnen. Dazu lernen sie sogenannte Skills. Damit sind alle Fähigkeiten gemeint, die helfen, sich selbst zu beruhigen, ohne sich ernsthaft zu schädigen, wie z.B. das Kauen von Chilischoten, die so stark reizen, dass sie von den unerträglichen Spannungen ablenken. Es kann aber auch helfen, sich den Spannungen zu stellen, sie auszuhalten, um zu erleben, dass sie von alleine wieder geringer werden.

Fonagy und andere (MBT, Mentalisierungsgestüzte Therapie) haben studiert, wie wichtig die Fähigkeit zum Mentalisieren für die psychische Gesundheit ist. Sie mentalisieren, wenn Sie darauf achten, was in Ihnen oder anderen Personen vorgeht. Sie mentalisieren, wenn Sie darüber rätseln „Warum habe ich das getan?” oder sich sorgen „Habe ich ihre Gefühle verletzt als ich das sagte?” Ihre Fähigkeit zu mentalisieren ermöglicht es Ihnen, Ihrem Verhalten und Ihren Gefühlen einen Sinn zu geben. Sie hören z.B. eine Autotür zuschlagen, und das erweckt Ihre Aufmerksamkeit. Dann sehen Sie wie der Mann, der die Autotür zugeschlagen hat, in seine Tasche greift und die leeren Hände wieder herauszieht. Er wird sehr unruhig, versucht erfolglos die Autotür zu öffnen, schaut durch das Fenster Richtung Zündung und beginnt zu schimpfen. Dieses Benehmen würde befremdlich auf Sie wirken, wenn Sie nicht automatisch folgern würden, dass er den Autoschlüssel eingeschlossen hat. In der Therapie wird diese Fähigkeit gefördert. Wenn ich bei Kritik denke „Hilfe, das ist das Ende, der wird mich nie wieder eines Blickes würdigen”, werde ich beim mentalisieren entdecken, dass dies meine Sicht auf die Dinge ist, die zu Verlustängsten und Minderwertigkeitsgefühlen führt. Diese Bewertung muss aber nicht stimmen. Ich könnte auch denken: „Der hat mich vor Schaden bewahrt, ihm ist nicht egal was aus mir wird, er möchte mir helfen, weil er mich mag”. Dann würde ich mich auch anders fühlen: nicht allein, sondern unterstützt und wichtig.

Betroffene Menschen haben ihre Probleme nicht alle selbst verursacht, aber sie müssen sie nun selber lösen. Sie versuchen, das Beste aus ihrer verheerenden Situation zu machen. Sie müssen sich stärker als andere anstrengen, härter arbeiten und stärker motiviert sein, um sich zu verändern

 

Bericht von derwesten.de 

11.5.11 18:32
 


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