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Buch Erscheinung: Offene Arme

 

Ein Bericht von Sven Jachmann, entnommen aus:
www.tagesspiegel.de

 

 

 
 
 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mobbing, Ritzen, Borderline – Melanie Gerlands autobiografisches Comic-Debüt "Offene Arme" ist die eindringliche Chronik einer verletzten Selbstverletzerin.

  

Dass Comics mittlerweile in Gestalt von Graphic Novels verstärkt in fremde Gefilde vordringen, beweist sehr eindrucksvoll Melanie Gerlands Debüt aus dem Hause Balance, einem Bonner Fachverlag, der hauptsächlich psychologische Beratungs- und Lebensratgeberliteratur herausgibt. Die autobiografische Erzählung Gerlands, die an der Kunsthochschule Kassel Visuelle Kommunikation studiert und jüngst in der 98. Ausgabe des Strapazins mit einem Beitrag vertreten war, fügt sich vortrefflich in dieses Nischenprogramm ein. Trotzdem ist dem Werk eine möglichst große Aufmerksamkeit zu wünschen: Denn Gerland weiß der stetig wachsenden Phalanx autobiografischer Comicgeschichten ungewohnte Aspekte abzutrotzen.

Dafür gibt es mehrere Gründe: die dezidiert weibliche Perspektive, die in dieser Gattung zumindest im deutschsprachigen Raum nicht allzu zahlreich zu finden ist (bislang kann das immense mediale Interesse an Ulli Lusts Meisterwerk „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ noch als Ausnahme von der Regel gelten); die Schonungslosigkeit, mit der sich Gerland selbst in den Fokus der beklemmenden Erzählung rückt; und der grafische Stilismus, mit dessen Hilfe sie die Hölle Pubertät als unkontrollierbare Vorhut der Selbstzerstörung narrativ übersetzt.

Das Aufwachsen in der bedrohlich-unbedrohlichen Tristesse der Provinz ist als Sujet dem Comic zwar nicht fremd, aber der posthume Blick verrät oftmals nicht mehr als die Freude darüber, nochmal glimpflich der dörfischen Hölle und ihren Gesetzen der Bürgerlichkeit entkommen zu sein. Wie stark sich indes das letztlich folgenlose pubertäre Aufbegehren zur handfesten Entfremdung, zur Identitätskrise und zum vergeblichen Kampf gegen die Illusion der eigenen Austauschbarkeit verdichten kann, lässt sich mit gnadenloser Härte an dieser Geschichte nachvollziehen, die sich ebenso als Chronik eines Charakters lesen lässt, der die partiell unbeeinflussbare Eigendynamik von Selbst- und Fremdwahrnehmung nicht über den Mittelweg Verdrängung zu vergessen schafft.

Selige Selbstmordfantasien

Ablehnung ist das leitmotivische Scharnier der Erzählung: Die 15-jährige Melanie buhlt erfolglos um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern, ist in der Schule isoliert und immer wieder dem Gespött der Klasse ausgeliefert. Außerhalb der Schule versucht sie regelmäßig, den aggressiven und gewalttätigen Attacken zweier besonders verhärteter Mitschülerinnen zu entkommen, über allem schwebt die Unfähigkeit, das Leid in adäquate Worte zu fassen: Zusammen mit ihrer Freundin Nicole feilt Melanie stattdessen an Suizidfantasien, in denen sich beide selig grinsend gemeinsam in den Tod stürzen. Als die zwei in einem leer stehenden Fabrikgebäude zufällig den Proberaum einer Metalband entdecken, tritt der Faktor Liebe als Refugium der inneren Machtlosigkeit hinzu. Melanie verliebt sich in den älteren Sänger Lewin, realisiert aber nicht, dass dieses Gefühl nur einseitig bleibt. Fortan besucht sie regelmäßig die Bandproben, versucht das Mobbing in der Schule mittels Imaginationen von Zweisamkeit mit Lewin zu ertragen, blondiert sich die Haare, nachdem sie hört, dass dies seine favorisierte Farbe ist, besucht Konzerte, wartet stundenlang vor seiner Wohnung, um „spontan“ auf ihn zu treffen und sich nach Hause fahren zu lassen – und beginnt sich die Arme zu ritzen, um so einen Liebesbeweis von ihm zu erhalten. Das Ritzen wird schnell zur Gewohnheit, wächst zum zweisamen Ritual mit Nicole. Die Situation eskaliert vollends, nachdem sie am Telefon eine endgültige Abfuhr von Lewin erhält…


Die Bildsprache, die Gerland wählt, ist schwarzweiß wie das Wahnsystem, dem sich ihre Figuren aussetzen (müssen). Hintergründe werden gelegentlich rudimentär angedeutet, oft bleiben sie auch leer. Das erhöht nicht nur den Eindruck von der mangelnden Sinnlichkeit des Kleinstadtkosmos, sondern macht auch immer wieder mit der Umweltwahrnehmung der Figuren gemeinsame Sache: Wenn Melanie beispielsweise zum ersten Mal den Proberaum verlässt und ihr Bauchkribbeln bemerkt, wird aus dem Schneetreiben und den skizzierten Häusern ringsum urplötzlich ein Frank-Capra-artiges Bild der Vorstadtromantik und sie wandelt in dem Schein einer Straßenlaterne mit weit geöffneten Armen in einem Splashpanel dem Betrachter förmlich entgegen. Das Bild dokumentiert also weniger einen Sachverhalt – wie man es bei einer autobiografischen Erzählung und dem ihr eben stets inhärenten, trügerischen Versprechen auf Authentizität erwarten würde –, sondern ordnet sich den Emotionen der Figuren unter. In diesem Sinne bleibt der Ort einer übergeordneten Erzählerinstanz diffus und wir sehen sowohl auf die Figur, als auch mit ihren Augen.

Ablehnung führt zu Selbsthass

So geraten die Gefühlswelten und die Frage nach ihren Funktionen in den erzählerischen Fokus. Und da wird schnell deutlich, dass das Versprechen auf Glück in einer rundherum glücklosen und abweisenden Welt über Projektionsleistungen erfüllt werden soll, die in ihrer steigenden Intensität einem inneren Exil ähneln. So wie das bösartige Mobbing der Mitschüler mit Schweigen und nach außen präsentierter Ruhe quittiert wird, wächst die Illusion einer Liebe als Rettungsanker. Aber sie entflammt sich an Idealisierung und fehlgedeuteten Gesten, nährt sich aus unrealistischen Wünschen, weil das einzig verbindende Element der beiden Liebenden beziehungsweise Nicht-Liebenden ihre gegenseitige Unkenntnis ist. Das ist auch eine Frage der geschlechtsspezifischen Form, die sich bereits im anhimmelnden Blick der jungen Mädchen auf die musizierenden Rockstars in spe findet, denn nach diesem sexistischen Urbild des Rockismus und seiner Mythologie des Begehrens folgt schließlich der Rückfall in die Realität, die mit all den Heilsversprechen dieser Fantasie nichts am Hut hat.


Letztlich führt Gerland zugleich ergreifend und differenziert (und in der Wahl der Methode eben auch exzellent comicspezifisch) vor, wie das permanente Erdulden von Qual und Ablehnung zu einer paradoxen Flucht in den Selbsthass führt und wie dieser wiederum aus einem mental unlösbaren System des Entweder-Oder sich speist, so wie sich auch im Ritzen Todessehnsucht und Hilferuf vereinen (und diese Ambivalenz erzeugen ebenfalls die Gesichter der Figuren, deren starke Konturen und expressive Augen eine Präsenz besitzen, der sie sich selber wohl lieber zu entziehen versuchen würden). Das macht die Geschichte gleich doppelt interessant: Sie funktioniert auf kluge Weise als pädagogisches Aufklärungswerk und ruft gleichzeitig in Erinnerung, inwiefern der Lebensabschnitt Pubertät weit über die geduldeten Grenzen der Desorientierung hinaus zur handfesten Identitätskrise reifen kann – und dass dies mehr mit der Verfasstheit von Gesellschaften statt individualpsychologischen Gründen zu tun hat.

Melanie Gerland: "Offene Arme". Balance Buch + Medien Verlag, Bonn 2010. 130 Seiten. 19,95 Euro.Hier geht es zur Verlagshomepage: http://www.balance-verlag.de/Buecher/borderline/book/059.html

11.5.11 18:41


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Diagnose Borderline: Angriff auf den eigenen Körper

 

 

Dortmund. Fast wirkt es wie eine Modeerscheinung, wenn Fernsehserien oder Magazine das Thema Selbstverletzung aufgreifen. Doch der Angriff gegen den eigenen Körper ist immer Ausdruck einer seelischen Not. Eine mögliche Diagnose ist die Borderline-Persönlichkeits-Störung.

Manfred Tetzlaff, Diplom-Psychologe und Leiter der Abteilung Zentrale psychologische Diagnostik/spezielle Psychotherapieverfahren (ZpDP) in der Klinik des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe in Dortmund Aplerbeck, betreut seit Jahren Therapiegruppen für Menschen, mit der Diagnose „Borderline”.

Diesmal sind es fünf Frauen, die sich zur Gruppensitzung treffen. Hausfrau, Mutter, Studentin, Ein-Euro-Jobberin, Erzieherin - ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Würde der Begriff in diesem Zusammenhang nicht so wertend wirken, würde man wohl sagen: ganz normale Frauen.

Starke Reaktionen

Sie alle eint, dass sie in ihrer Kindheit Erfahrungen machen mussten, die tiefe Wunden hinterlassen haben: Missbrauch, Vernachlässigung, Misshandlung. Kommen die Erinnerungen an diese traumatischen Erlebnisse an die Oberfläche, reagieren die Betroffenen sehr stark, möglicherweise eben auch mit Selbstverletzung, weil sie die aufkommenden Gefühle nicht aushalten können.

So wie bei Karin (Namen aller Frauen geändert), der 27-jährigen Studentin. Bei ihr sind es Panikattacken, die das Leben bis heute stark beeinflussen. Minimale Auslöser - ein Blick, eine Geste, eine bestimmte Tonlage - können Erinnerungen an die traumatischen Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit wieder aufkommen lassen, über die sie heute nicht mehr sprechen möchte. Jahrelang, so berichtet Karin, habe sie den Schmerzreiz gebraucht, um sich in die Gegenwart zurück zu versetzen, wenn die Erinnerungen an die schrecklichen Erlebnisse aus der Kindheit hoch kamen, sie einsogen und nicht loslassen wollten.

Neue Strategien

Inzwischen hat Karin mit Hilfe von Therapeuten andere Strategien entwickelt, aus der Vergangenheit wieder in die Gegenwart zu entkommen. Dennoch sind die wöchentlichen Gruppentreffen für sie wichtig. „Hier kann ich Dinge hinterfragen und weiß, dass die anderen mich verstehen”, sagt sie.

„Hier habe ich das Erlebnis, dass mich jemand stärkt, hier spüre ich Verständnis”, erklärt auch Mona, die 37-jährige Hausfrau und Mutter. Bei ihr waren es die Aggressionen, die sie nicht mehr in den Griff bekam, waren es Ängste und Sucht, die sie in eine Therapie führten. Die Diagnose ­„Borderline” folgte später. Eine Beobachtung, die die Experten oft machen. „Die Patienten begeben sich häufig wegen anderer Erkrankungen in Behandlung, wegen Depressionen etwa, Alkoholabhängigkeit oder eben wegen der Selbstverletzungen”, sagt Manfred Tetzlaff.

Selbsterfahrung

Für Mona ist der Austausch mit anderen Patienten wichtig - auch um noch mehr über sich selber zu erfahren: „Je mehr ich über mich selber und darüber lerne, was das Abdriften in die Vergangenheit auslöst, desto mehr kann ich auch dagegen setzen.”

Eines aber, das ist allen Teilnehmerinnen ein Anliegen: Es ist keine Krankheit unter der sie leiden, sondern eine Störung in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit, verursacht durch schlimme Erfahrungen, durch andere Menschen in ihr Leben gebracht, denen sie ausgeliefert waren. „Mein heutiges Verhalten ist eine Reaktion auf schlimme Erlebnisse aus der Vergangenheit”, erklärt etwa Karin. Was sie vermisste war, dass ihr damals jemand geglaubt, sie getröstet, sie beschützt hätte. Und Mona vermutet: „Viele Menschen gehen möglicherweise unsensibel mit dem Thema Borderline und mit uns um, weil sie nicht an eigene Erlebnisse aus der Vergangenheit erinnert werden möchten.”

 

Interview

 

Wann spricht man von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, durch welche Symptome äußert sie sich?

Tetzlaff: Was unter einer Persönlichkeitsstörung zu verstehen ist, hat sich sehr gewandelt. Persönlichkeit beschreibt die Art und Weise, in der ich überwiegend mit anderen umgehe (z.B. schüchtern, misstrauisch oder reizbar). Diese Eigenheiten können mehr oder weniger stark ausgeprägt sein und bestehen meist schon seit der Kindheit. Bei der Borderlinestörung fällt es den Betroffenen schwer, die Bedeutung ihrer Gefühle genau zu verstehen. Sie erleben ihre Gefühle in jede Richtung überwältigend, sie fühlen sich ihren Gefühlen ausgeliefert. Da sie ihren eigenen Gefühlen nicht mehr uneingeschränkt vertrauen können, brauchen sie viel häufiger andere Menschen, um sich zu vergewissern, was „richtig ist”. Zugleich haben sie aber schmerzvoll erlebt, dass andere Menschen ihr Vertrauen missbrauchen. Dieses Dilemma führt zu sehr intensiven aber nicht sehr stabilen - kurz andauernden - Beziehungen. Beim Versuch, sich zurückzuziehen erleben sie oft eine unerträgliche Leere, in Beziehungen fühlen sie sich oft maßlos enttäuscht oder wütend. Wenn die inneren Spannungen zu groß werden, kann es vorkommen, dass die Personen sich selbst Schmerzen zufügen oder verletzen, um wenigstens vorübergehend Entlastung zu finden.

 

Wie wird eine solche Störung ausgelöst? Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

 

Tetzlaff: Es gibt unterschiedliche Ansätze, die Entstehung dieser Störung zu verstehen. Jede dieser Sichtweisen hat Vorschläge zur Behandlung erarbeitet.

Kernberg (TFP, Übertragungsfokussierte Psychotherapie) geht davon aus, dass Menschen, die als Kind mit anderen Menschen überwiegend „negative” Gefühle (z.B. Angst vor den Erniedrigungen durch die Mutter) erleben, die wenigen verbleibenden „guten” Gefühle (z.B. beim Schmusen mit der Mutter) dadurch zu schützen versuchen, dass sie wie bei einer „doppelten Buchführung” diese entgegengesetzten Gefühle nie gemeinsam abspeichern, sondern abspalten. Sie erleben dann z.B. ihre Mutter wie zwei verschiedene Mütter, mal als eine „gute” und mal als eine „gefährliche” Mutter. Ähnlich werden die „guten” und „schlechten” Gefühle getrennt, die man zu sich selbst hat: „Ich kann alles, jeder mag mich” und „Alle zeigen mit dem Finger auf mich, ich bin ein Versager”. Bleiben diese Anteile gespalten, kann dies dazu führen, dass „negative Anteile” nicht bei mir, sondern bei anderen vermutet und dort auch bekämpft werden: „Weil ich mich nicht schwach und hilflos fühlen will, werde ich sauer, weil ich keine Hilfe bekomme”. Das sind negative Gefühle, die ich nicht bei mir spüren möchte, also lieber so: „Der ist bestimmt sauer, weil ich ein Versager bin, dabei ist er doch dazu da, mir zu helfen”. In der Therapie werden diese Abspaltungen bearbeitet, so dass die Menschen wieder eine Mutter erleben können, die in bestimmten Situationen „böse” und in anderen „lieb” ist. Sich selbst sehen sie dann mehr mit ihren Fähigkeiten und Grenzen.

Emotionale Fehlregelung

Linehan (DBT, Dialektisch Behaviorale Therapie) arbeitet an der emotionalen Fehlregulation dieser Menschen. Wenn jemand in einer Familienumgebung aufwächst, die dauerhaft eine richtige Wahrnehmung von Gefühlen verhindert - „Das ist nicht zu schwer, du strengst dich nur nicht genug an” oder „Wenn sie nein sagt, meint sie ja” - verlieren die Menschen ihr Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. Sie werden emotional verwundbar und sind unfähig, ihre Emotionen zu beeinflussen. Es ist unstrittig, dass sie schwer traumatisierte Menschen sind, deren Traumata bearbeitet werden müssen. Nur sind die Patienten einer Aufarbeitung der Traumata zunächst wegen ihrer emotionalen Verletzlichkeit nicht gewachsen, sie geraten sofort in schwere Krisen. Erst wenn ihre Möglichkeiten zur Affektregulation gestärkt sind, kann eine Bearbeitung der Traumata beginnen. Dazu lernen sie sogenannte Skills. Damit sind alle Fähigkeiten gemeint, die helfen, sich selbst zu beruhigen, ohne sich ernsthaft zu schädigen, wie z.B. das Kauen von Chilischoten, die so stark reizen, dass sie von den unerträglichen Spannungen ablenken. Es kann aber auch helfen, sich den Spannungen zu stellen, sie auszuhalten, um zu erleben, dass sie von alleine wieder geringer werden.

Fonagy und andere (MBT, Mentalisierungsgestüzte Therapie) haben studiert, wie wichtig die Fähigkeit zum Mentalisieren für die psychische Gesundheit ist. Sie mentalisieren, wenn Sie darauf achten, was in Ihnen oder anderen Personen vorgeht. Sie mentalisieren, wenn Sie darüber rätseln „Warum habe ich das getan?” oder sich sorgen „Habe ich ihre Gefühle verletzt als ich das sagte?” Ihre Fähigkeit zu mentalisieren ermöglicht es Ihnen, Ihrem Verhalten und Ihren Gefühlen einen Sinn zu geben. Sie hören z.B. eine Autotür zuschlagen, und das erweckt Ihre Aufmerksamkeit. Dann sehen Sie wie der Mann, der die Autotür zugeschlagen hat, in seine Tasche greift und die leeren Hände wieder herauszieht. Er wird sehr unruhig, versucht erfolglos die Autotür zu öffnen, schaut durch das Fenster Richtung Zündung und beginnt zu schimpfen. Dieses Benehmen würde befremdlich auf Sie wirken, wenn Sie nicht automatisch folgern würden, dass er den Autoschlüssel eingeschlossen hat. In der Therapie wird diese Fähigkeit gefördert. Wenn ich bei Kritik denke „Hilfe, das ist das Ende, der wird mich nie wieder eines Blickes würdigen”, werde ich beim mentalisieren entdecken, dass dies meine Sicht auf die Dinge ist, die zu Verlustängsten und Minderwertigkeitsgefühlen führt. Diese Bewertung muss aber nicht stimmen. Ich könnte auch denken: „Der hat mich vor Schaden bewahrt, ihm ist nicht egal was aus mir wird, er möchte mir helfen, weil er mich mag”. Dann würde ich mich auch anders fühlen: nicht allein, sondern unterstützt und wichtig.

Betroffene Menschen haben ihre Probleme nicht alle selbst verursacht, aber sie müssen sie nun selber lösen. Sie versuchen, das Beste aus ihrer verheerenden Situation zu machen. Sie müssen sich stärker als andere anstrengen, härter arbeiten und stärker motiviert sein, um sich zu verändern

 

Bericht von derwesten.de 

11.5.11 18:32


Selbstverletzung: Ritzen dämpft die Gefühle

Ein Beitrag von focus aus der Zeitschrift: Biological Psychiatry vom Dienstag, 31.08.2010, 16:29
 
Ein wohl sehr hilfreicher und gelungener Bericht!
 

Sich selbst zu verletzen, empfinden Borderline-Patienten als Wohltat Patienten mit einer Borderline-Störung können ihre aufwühlten Emotionen durch Selbstverletzung beruhigen. Der Schmerz dämpft das Gefühlszentrum.
Borderline-Patienten empfinden häufig extreme positive und negative Gefühle. Sie haben Schwierigkeiten, diese starken Emotionen in den Griff zu bekommen. Ein deutsches Forscherteam hat herausgefunden, warum Selbstverletzungen den Betroffenen dabei helfen: Schmerz- und Wärmereize dämpfen die überschießenden Reaktionen des Gefühlszentrums im Gehirn der Patienten.


Schmerz lindert emotionalen Aufruhr

 

Die Wissenschaftler um Inga Niedtfeld vom Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit der Universität Heidelberg hat ein Phänomen unter Boderline-Patienten untersucht: Die Betroffenen nutzen häufig ungewöhnliche Methoden, um ihre starken negativen Gefühle in den Griff zu bekommen: Sie ritzen sich die Arme auf, trinken schädliche Substanzen oder verletzen sich mit Zigarettenglut. Dieses selbstverletzende Verhalten verschafft ihnen nach eigenen Angaben Erleichterung und lindert ihren negativen Gefühlszustand.

Die Psychologen beobachteten mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT), welche Regionen im Gehirn von Borderline-Patientinnen aktiv wurden, wenn sie negative und neutrale Bilder betrachteten. Nach jeweils einigen Sekunden folgte ein Wärmereiz, der entweder angenehm war oder eine schmerzhafte Temperatur erreichte. Die Hirnaktivität wurde dabei weiterhin aufgezeichnet. An der Untersuchung nahmen 23 Borderline-Patientinnen und 26 gesunde Frauen als Kontrollgruppe teil.

Wärme beruhigt, auch ohne wehzutun

 

Die Analyse der Gehirnbilder ergab zunächst, dass Hirnregionen, die an emotionalen Reaktionen beteiligt sind, unter den Patientinnen mit Borderline-Störung aktiver waren als in der Kontrollgruppe – und zwar sowohl bei den negativen als auch bei den neutralen Bildern. Zu diesen Regionen zählten die Amygdala, die Insula und das vordere Cingulum. Der Amygdala wird allgemein eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung negativer Gefühle zugeschrieben. Dieser Zusammenhang bestätigte sich auch hier: Je aktiver die Amygdala der Probandinnen im Versuch war, desto größere Schwierigkeiten hatten sie, negative Gefühle zu regulieren.

Sowohl die schmerzhaften als auch die nicht schmerzhaften Wärmereize wirkten diesem Effekt entgegen: Sie unterdrückten die Aktivierung der Amygdala. Dieser Effekt ließ sich in beiden Untersuchungsgruppen beobachten, er war jedoch bei den Borderline-Patientinnen stärker. Das Verständnis dieser Mechanismen könnte dazu beitragen, Strategien zu entwickeln, mit denen die Betroffenen ihre intensiven Gefühle in den Griff bekommen können, ohne sich dabei selbst zu schaden.
11.5.11 18:12


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